KLANGWUNDER

  Konzerte für Kinder
 

Die mit Bildern und Klängen illustrierte Vortragsreihe präsentiert Studenten, die Musik und musikalische Vortragsweise der historischen Renaissance, des Barock und der Klassik studieren, in erster Linie Instrumentenraritäten, von denen selbst Kenner des Fachs nur wenig wissen. An die ungerechterweise vergessenen Mitglieder von Instrumentenfamilien, die aus Ensembles und Orchestern der Renaissance, des Barock und der Klassik gut bekannt sind, zu erinnern ist eine ehrenvolle Aufgabe, denn denkt man an die zeitgenössischen Musikrichtungen von Heute, so wird offensichtlich, wie vielen eigenartigen Einwirkungen die Komponisten und Musiker ausgesetzt sind, die ihren Stil, ihre musikalischen Vorstellungen und ihre künstlerische Auffassung beeinflussen. So wie die heutigen Komponisten durch eine verblüffende Instrumentenerfindung oder einen neuen elektronischen Effekt inspiriert werden, so inspirierten die Meister der Vergangenheit Erfindungen, die später zwar in Vergessenheit gerieten, als Idee und Ziel des Erfinders jedoch Teil ihres Lebenswerkes blieben.Über die Experimente Gottfried Silbermanns mit dem Pianoforte, dem Hammerflügel, um 1733 äußerte sich Johann Sebastian Bach persönlich und auf der Grundlage ihrer gemeinsamen Erfahrungen konnte das Klavier weiterentwickelt werden. Aber auch in den Werken von Franz Liszt oder Hector Berlioz sind zahlreiche musikalische Einflüsse zu hören, die durch interessante, jedoch erfolglose musikalische Experimente oder Instrumentenerfindungen inspiriert wurden.

Unsere Kenntnisse hinsichtlich der populärsten Instrumentenfamilien sind zwar befriedigend, doch im musikalischen Leben vergangener Epochen bedeuteten gerade diese besonderen Instrumente, die plötzlich auftauchten und dann rasch in Vergessenheit gerieten, häufig die Abwechslung, und diese musikalischen Kuriositäten und Raritäten werden heute nach und nach von fleißigen Musikhistorikern wiederentdeckt. Die vor einigen Jahrzehnten noch fast unbekannten Albrechtsberger Trombula-Konzerte, die Werke Haydns für Orgelleier, die wundervollen Stücke Mozarts, die er für Glasharmonika komponierte, oder die Werke weniger bekannter Komponisten für Nagelgeige, Pantalon, Clavicylinder, Glassichord, Orthotonophonium oder Cécilium kommen dieser Tage wieder zum Vorschein. Das Piano Quator von Baudet, das Terpodion von Johann David Buschmann, im Allgemeinen die Sostenente-Pianos oder die unzähligen amerikanischen kuriosen Instrumente des 18.-19.

Jahrhunderts sind bei den heutigen Musikern im Allgemeinen unbekannt. Eine Präsentation dieser Musikinstrumente ist somit meiner Ansicht nach eine große Hilfe, die jeweilige im Studium behandelte musikalische Epoche besser kennen zu lernen, was mit der Untersuchung von Exemplaren, die in den Lagern von Museen einstauben, mit Atelierfotografien und originalen oder rekonstruierten Klangbeispielen erfolgen soll.

Ein Einblick in die abenteuerlichen Lebensgeschichten der Erfinder in den vergangenen Jahrhunderten, ihre Erfolge und ihr Scheitern sowie das Kennenlernen der heute bereits unbekannten Weltanschauungen vergangener Epochen beeinflussen und bereichern die Vorstellungen der Studenten, die sich mit der Vortragsweise alter Musik beschäftigen.Die Musikgeschichte ist symbolisch ein „Stuhl mit drei Beinen”, der nur dann sicher auf dem Boden steht, wenn alle drei Beine gleichermaßen stark sind. Ein Bein symbolisiert die Komponisten, ein anderes die Musikwerke und das dritte die Instrumente, die die musikalischen Töne zum erklingen bringen und die menschliche Stimme begleiten. Das Lebenswerk der Komponisten betreffend verfügen wir über zunehmend umfangreichere Kenntnisse, auch ein bedeutender Teil der Musikwerke wurde bereits gründlich erkundet, während die Organologie bislang nur die Geschichte der bekanntesten Musikinstrumente aufgearbeitet hat. Meiner Ansicht nach ist aber gerade dieses dritte „Bein” ebenso wichtig wie die anderen beiden, somit können wir hinsichtlich der Geschichte unserer Musikinstrumente und der Zusammenhänge zwischen den Instrumentenerfindungen nur dann zu einem vollkommenen, umfassenden Bild gelangen, wenn wir auch die ein Leben lang andauernden, oft vergeblich scheinenden Experimente der Instrumentenbauer kennen lernen. Die Patentamte bewahren mehrere Tausend Erfindungen auf, von denen die Musikwelt kaum etwas weiß. Die originalen Artikel der zeitgenössischen – gegebenenfalls mehrere Hundert Jahre alten – musikalischen Fachzeitschriften wurden erst in den vergangenen Jahren digitalisiert, so sind seit Kurzem Millionen von neuen Angaben, zeitgenössischen Artikeln und unzähligen lehrreichen Diskussionen zugänglich, die nicht nur die eingefahrenen Dogmen der Instrumentenhistoriker und „self-made” Organologen widerlegen, sondern auch mit verblüffenden neuen Angaben, Details, ja Gerüchten aus den vergangenen paar hundert Jahren des Musiklebens dienen, die unsere bisherigen Kenntnisse von der alten Musik grundlegend verändern.

Im Rahmen der Vortragsreihe gehe ich nicht nach einer umfassenden, lexikalisch systematisierten Thematik vor, sondern mache mit Instrumentenraritäten bekannt, die einerseits aufgrund ihres ästhetischen Erscheinungsbildes eine Besonderheit darstellen, andererseits hinsichtlich der Art ihrer Betätigung und der pfiffigen Weise, in der sie funktionieren, Aufmerksamkeit verdienen. Die Neuentdeckung von wundersamen Instrumenten, die in den bedeutendsten Sammlungen der Welt meist in vernachlässigtem Zustand auffindbar sind, sowie die Heraufbeschwörung ihrer abenteuerlichen Geschichte kann viel dazu beitragen, dass wir uns der Erfinder erinnern, die jahrzehntelang leidenschaftlich an ihren Erfindungen arbeiteten, und ihr Lebenswerk für die Musiker und Musikliebhaber der Zukunft bewahren.

Róbert Mandel